Frühgeborenenretinopathie

(ROP = retinopathy of prematurity)

Dieses Krankheitsbild ist erst durch die Fortschritte auf dem Gebiet der Frühgeborenenversorgung entstanden. Die ROP entwickelt sich wegen mangelhafter Gefäßversorgung der Netzhaut zum Zeitpunkt der Geburt. Wenige Wochen nach der Geburt kann es dann zu wuchernden Netzhaut-Gefäßneubildungen mit nachfolgender Netzhautablösung und Erblindung kommen.

Wesentliche Risikofaktoren für das Auftreten einer relevanten ROP sind:

  • Geburtsgewicht unter 1500 g
  • Gestationsalter (= Schwangerschaftswochen nach letzter Menstruation) unter 33 Wochen
  • Sauerstofftherapie über längeren Zeitraum und mit hoher Sättigung

 

Die Gefäßentwicklung der Netzhaut setzt relativ spät im Lauf der Schwangerschaft ein und ist in der Regel bei Geburt noch nicht vollständig beendet. Bei Fühgeborenen macht sich dieses besonders bemerkbar, da ein großer Teil der Netzhautperipherie zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht vaskularisiert ist. Wegen der mangelhaften Lungenentwicklung benötigen die Frühgeborenen jedoch noch eine zusätzliche Sauerstoffversorgung. Bei längerfristiger Zufuhr von Sauerstoff mit Partialdrucken ab etwa 120 mmHg wird das Weiterwachsen der kleinen Netzhautgefäße blockiert. Wenn dann nach Besserung der Lungensituation die Sauerstoffzufuhr wieder auf Normalwerte reduziert wird, so kommt es zu einer Sauerstoffunterversorgung der Netzhaut. Als Reaktion hierauf bilden sich neue Gefäße aus (Neovaskularisationen). Sie verhalten sich nicht so, wie die von Natur aus vorgesehenen Blutgefäße, sondern haben die Eigenschaft in den Glaskörperraum hineinzuwachsen. Außerdem haben Sie die Eigenschaft schneller zu bluten und sich bindegewebig zu organisieren und zu schrumpfen.

Die nachfolgenden Abbildungen zeigen Ausschnitte der Netzhaut von drei verschiedenen Säuglingen mit unterschiedlichen Krankheitsstadien. [Entnommen aus: Jandeck C, Kellner U, Foerster MH: Okuläre Veränderungen bei Frühgeborenen. Ophthalmologe 97:799-818 (2000). Mit freundlicher Genehmigung.]

rop 1
Avaskuläre (graue) Netzhaut im oberen Bereich und normal vaskularisierte Netzhaut im unteren Bereich. ROP Stadium 1
rop 3
Proliferationen an der Leiste zwischen vasukulärer und avaskulärer Netzhaut. Fächerförmige Aufzweigungen der Gefäße zentral der Leiste. ROP Stadium 3
rop 4
Netzhautbereich, in dem oben eine Netzhautablösung besteht. Unten liegt die Netzhaut an. ROP Stadium 4

ROP-Screening

Die kritische Zeit liegt zwischen der 34. und 37. Woche des Gestationsalters. Wenn Veränderungen bis zur 35. Gestationsalterwoche nicht erkennbar sind, ist eine Entwicklung zu einer behandlungsbedürftigen ROP sehr selten. Die rechtzeitige Diagnose lässt sich nur über eine sorgfältige Augenhintergrundspiegelung stellen. Aus diesem Grund müssen alle gefährdeten Frühgeborenen mehrmals vorsorglich untersucht werden (ROP-Screening). Bei sehr sorgfältiger und kontrollierter Dosierung der Sauerstofftherapie und kompetenter augenärztlicher Kontrolle im gefährlichen Zeitraum lässt sich die Zahl der Kinder mit schwerwiegender ROP sehr klein halten.

Einschlusskriterien

  • Gestationsalter unter 32 Wochen (bei nicht sicher bekanntem Gestationsalter Geburtsgewicht £  1500 g unabhängig von einer zusätzlichen Sauerstoffgabe
  • Gestationsalter zwischen 32 und 36 Wochen, wenn nach der Geburt mehr als 3 Tage Sauerstoff gegeben wurde

Erstuntersuchung

  • 6. Woche nach Geburt (Lebenstag 36-42), aber nicht vor einem Gestationsalter von 31 Wochen
  • Folgeuntersuchungen in Abhängigkeit vom jeweiligen Befund innerhalb von wenigen Tagen bis zu 2 Wochen

In den Anfangsstadien ist keine Therapie notwendig, da meistens eine Spontanheilung eintritt. Ab dem Stadium 3 (Leistenbildung mit extraretinalen fibrovaskulären Proliferationen) ist eine Behandlung zu erwägen. Zur Behandlung wird das gefäßlose Areal jenseits der Leiste verödet. Dies geschieht in den meisten Fällen mit Laserlicht (Diodenlaser, Argonlaser). In fortgeschrittenen Fällen kommen operative Maßnahmen in Frage.

Spätveränderungen

Wenn die Gefahren der akuten Phase der ROP überwunden sind, können bei allen Frühgeborenen weitere Augenerkrankungen auftreten.
Dazu gehören:

  • Kurzsichtigkeit (Myopie)
  • Schielen (Strabismus)
  • Augenzittern (Nystagmus)
  • Netzhautdegeneration, Netzhautverziehung, Netzhautablösung
  • Augendruckerhöhung (okuläre Hypertension, Glaukom)

Die Myopie tritt besonders häufig bei Augen auf, die mittels Kryotherapie behandelt wurden. Diese Therapie beeinträchtig die Leder- und die Aderhaut deutlich mehr als die Laserbehandlung. Dadurch wird wahrscheinlich die Wachstumskontrolle des Auges gestört.

Frühgeborene schielen im Vergleich zu Termingeborenen 3 bis 5mal häufiger. Es kann auch zu einem Pseudostrabismus durch Verziehung der Netzhaut kommen (Anette von Droste-Hülshoff-Syndrom).

In Augen, deren avaskuläre Netzhaut im Säuglingsalter koaguliert wurde, kann ein Netzhautloch an der Grenze zwischen unbehandelter und behandelter Netzhaut auftreten und eine Netzhautablösung verursachen.